Klassische Stimmbildung und Pop-Gesang 1


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Das gleiche „Instrument“

Pop-GesangIm Pop-Gesang geht man zwar ganz anders an die Musik heran als beim Operngesang. Da wir aber das gleiche „Instrument“ verwenden, gibt es natürlich auch Gemeinsamkeiten. Die Grundlagen der Klassischen Stimmbildung sind auch sehr hilfreich für jeden Pop-Sänger. Der Pop-Gesang bietet sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten für die Stimme. Diese kann man ebenfalls gezielt lernen und trainieren. Das gilt auch für Rock, Jazz, Blues und andere Pop-Genres.

 

Unterschiede

Es gibt viele Aspekte, in denen sich Popmusik grundlegend von sogenannter „Ernster Musik“ („Klassischer Musik„) unterscheidet. Das betrifft natürlich nicht nur Instrumentalmusik, sondern auch – und besonders – den Gesang. Der Unterschied des Pop-Gesang zum klassischen Gesang liegt vor allem in Klangfarbe und Stimmklang, sowie natürlich einer anderen stilistischen und vor allem rhythmischen Auffassung von Musik. In der Jazz- und Popmusik wird improvisiert. Damit ist die Freiheit gemeint, sich von den vorgegebenen Noten zu lösen und eigene Melodien und Rhythmen zu erfinden.

Klassische Stimmbildung

Beim Operngesang muss die Stimme gezielt auf ein klassisches Stimmideal hin geformt werden, welches durch exakte technische Anforderungen und ästhetische Erwartungen sehr genau festgelegt ist. Das ist langwierig und mühsam, und nicht jede Naturstimme eignet sich dafür. Mit anderen Worten: Man braucht die richtigen angeborenen Stimmvoraussetzungen. Nicht jeder wird gleichermaßen in der Lage sein, mit seinen individuellen Gesangsanlagen ein solches „Stimmideal“ zu erreichen.

Und wenn die Stimme dann ausgebildet ist, ist sie in ihren Ausdrucksmöglichkeiten auf die vorgegebenen Stimmfächer innerhalb des Stimmideals begrenzt. Man kann – oder besser: man soll – mit einer Opernstimme nicht einfach „irgendwie singen“. Höchstes Gebot ist, das jeweilige Werk in der vom Komponisten beabsichtigten Weise ideal wieder zu geben.

Pop-Gesang

Vorreiter des Pop-Gesang - Elvis PresleyIn der Popmusik gibt es keine solch eng gefassten und durch jahrhundertealte Traditionen festgeschriebenen Stimmideale. Natürlich erwartet man auch hier, dass zum Beispiel der Gesang bei einer knackigen Rocknummer irgendwie so ähnlich wie Bon Jovi oder Brian Johnson (ACDC) klingt. Aber wer will, darf auch anders.

Der Sänger Ville Valo von der Metal Band HIM singt zum beispiel mal mit bassig tiefer, mal mit hoher Falsettstimme. Songs wie „Kiss“ (Prince) sind gar komplett mit piepsiger Falsettstimme durchgesungen. Ganz anders geht es im Death Metal zu. Hier wird überhaupt nicht mehr „gesungen“, sondern hier darf man „growlen“ und „grunten“ (also knurren und grunzen). Bei der skandinavischen Band „Nightwish“ wiederum begleitet die schweren Heavy Metal Gitarren – man höre und staune: eine klassische Sopranstimme. Und in anderen Popmusik-Genres wie Blues, Soul und Jazz darf man scatten, shouten (schreien), weinen, schluchzen, und was die Stimme sonst noch hergibt.

Jede gute Stimme braucht Training

Pop-Gesang bedeutet jedoch nicht, einfach ohne Gesangstechnik drauf los zu singen. Verboten ist das zwar nicht. Aber auch für guten Pop-Gesang muss man trainieren, wenn man sich weiterentwickeln will. Man hat mehr Möglichkeiten, die Stimme kreativ einzusetzen als im Operngesang, aber wenn man alle Stilmittel beherrschen will, dann muss die Stimme einiges leisten. Popmusik zu singen bietet viele Möglichkeiten der Ausdrucksformen und Stilmittel, die zu beherrschen ein hohes Maß an sängerischem Können erfordert.

Egal ob man sich bei einem Rocksong die Seele aus dem Leib schreit, oder die höchsten Koloraturen einer Opernarie sauber meistern will. In jedem Fall muss die Stimme fit sein. Genau so, wie auch der Sportler in jedem Fall einen trainierten Körper braucht, ganz egal, ob er zum Radfahren, Kugelstoßen, oder zu irgendeiner anderen Sportart geht. Singen ist immer auch ein bisschen wie Sport, denn es geht dabei ebenfalls um korrekt eingeübte Muskelarbeit. Zwerchfell, Kehlkopf und Stimmbänder, Rachen, Zunge, Lippen und Kiefer – sie alle enthalten Muskeln, die beim Singen optimal zusammenarbeiten müssen. In der Popmusik hat man dabei eine riesige Auswahl an stimmlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Man darf sich ganz individuell ausdrücken, und wie bei den Effekten für die Instrumente, kann man auch als Sänger den eigenen Stimmsound frei wählen.

In der „Stimmbildung“, dem Fitnessraum für die Stimme, treffen sich alle Sänger. Ganz egal ob sie nachher auf die Opernbühne oder zum Hard Rock-Gig gehen.

Pop Singen darf jeder!

Doch auch wenn es mit der Gesangstechnik oder der Stimmanlage nicht so perfekt läuft – singen darf man natürlich trotzdem. Und man kann es auch so zu etwas bringen. Es gibt einige berühmte Beispiele für Sänger, die eigentlich keine so vorbildliche Gesangstechnik präsentieren, sondern eher vor sich hin nuscheln, in sich hinein brummeln oder immer ein wenig neben dem Ton singen. Man höre nur einmal in manche Songs von Lou Reed, Nick Cave, Mark Knopfler, Bob Dylan oder Leonhard Cohen hinein. Doch die Fans lieben sie dafür und wollen es genau so hören. Und natürlich darf man dabei auch nicht übersehen, dass diese Sänger mit einer großartigen Musikalität und schöpferischen Kraft ausgestattet sind, so dass die eigentliche Gesangstechnik in manchen Fällen einfach ein wenig zur Nebensache wird.

Nicht einmal beschädigte Stimmbänder bedeuten zwangsläufig das Ende der Sängerkarriere:

Wenn Joe Cocker zum klassischen Gesangsunterricht gegangen wäre, hätte man ihm wahrscheinlich eröffnet, dass er nie wird singen können. Denn seine Stimme war schlicht und einfach kaputt! Ein großartiger und berühmter Sänger ist er trotzdem geworden. Die Popmusik macht es möglich!

 

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